Ludovic Magnin: Abgang in Echallens

Ludovic Magnin: «Den Jungen fehlt menschlich etwas»

Ludovic Magnins Karriere neigt sich dem Ende zu. Im ZWÖLF-Interview von Mämä Sykora schwelgt er nochmals in der Vergangenheit und denkt schon ein wenig an die Zukunft. Und er erzählt, wie ihm Ailtons Leoparden-Unterhosen einst geholfen haben.

ZWÖLF: Ludovic, du gehörst als ausgebildeter Primarlehrer im Fussball bereits zu den Intellektuellen. Gehörten auch deine Eltern zu den Bildungsbürgern?

Ludovic Magnin: Mein Vater war Schreiner, heute ist er Mechaniker. Meine Mutter ist Lehrerin und mein Bruder Landschaftsgärtner. Tja, und ich bin beim Fussball gelandet. Die ganze Familie ist aber fussballverrückt. Mein Vater hat selber auch gespielt, er hat es sogar in die NLB gebracht. Er war aber nun mal ein Dorfjunge, und solche mussten erst mal richtig arbeiten. Wie ich gehört habe, soll er ein ganz guter Fussballer gewesen sein. Ich habe ihn nur noch als Spielertrainer erlebt, da ist er nicht mehr so viel gelaufen, hat dafür mehr Bauch auf den Platz gebracht.

Über Lehrersöhne sagt man ja, dass sie sehr rechthaberisch sind und immer das letzte Wort haben wollen.

Ja, das trifft auch auf mich zu. Noch mehr Probleme habe ich, wenn ich Ungerechtigkeit erlebe, was gerade im Fussball sehr oft der Fall ist. Ich bin sehr impulsiv – sagt zumindest meine Frau (lacht). Ich gehe zwar schnell in die Luft, komme aber jeweils  auch schnell wieder runter. Wenn ich mich oder einen Mitspieler ungerecht behandelt sehe, dann sage ich Dinge, die nicht unbedingt förderlich sind.

Deine Fussballerkarriere neigt sich langsam dem Ende zu. Kannst du dir vorstellen, wieder als Lehrer zu arbeiten?

Das Lehrerdiplom hab ich noch zu Hause in meinem Portfolio, mein Abschluss ist aber schon ewig lange her… Ich trau mich ja fast nicht zu sagen, wann das war. Seither hat sich der Beruf stark entwickelt, und bevor ich wieder vor eine Klasse stehen würde, müsste ich zuerst selber nochmals ein paar Jahre die Schulbank drücken. Das kann ich mir aber ohnehin nicht wirklich vorstellen, höchstens gewisse Fächer, obwohl mir die Arbeit mit Kindern sehr gut gefällt. Ein Kind ist ehrlich und sagt seine Meinung, Politik spielt bei ihm keine Rolle. Ich würde mir wünschen, wieder irgendwo tätig sein zu können, wo die Politik keine Rolle spielt.

Das schreit geradezu nach einer Arbeit als Juniorentrainer.

Das ist auch in Planung. Ich bin gerade am Trainerdiplom dran und freue mich darauf, mit jungen Spielern arbeiten zu können. Wenn es mir gefällt, muss es für mich auch nicht zwingend weitergehen. Weniger Druck, weniger Rechtfertigung, weniger Reisen, weniger Presse – ich stelle mir das toll vor.

Dein Juniorentrainer war ja u. a. Lucien Favre, er war auch dein erster Trainer in der ersten Mannschaft. Du lobst ihn heute noch in höchsten Tönen. Was ist denn so speziell an ihm?

Ich habe noch immer eine besondere Beziehung zu Lucien, wir telefonieren fast täglich. Er ist ein Jugendfreund meines Vaters und deshalb mehr als ein Trainer für mich. Als C-Junior war das natürlich ein riesiges Glück, so einen als Übungsleiter zu haben, der seine Trainerkarriere eben erst begonnen hat. Wenn er die Übungen vorgezeigt hat, haben wir riesige Augen gemacht, denn er beherrschte sie wie kein anderer. Er sieht bei jedem Spieler sofort, was noch zu verbessern ist. Er holte mich damals bei Echallens in die erste Mannschaft, die in die NLB aufgestiegen war. Ich war gerade mal 15, etwa 20 Kilo schwer und hatte Beine wie Brezel. Ich durfte zwar mittrainieren, eingesetzt wurde ich aber nicht. Das war wohl auch besser, ich wäre wohl gleich für sechs Monate im Krankenhaus gelandet.

Dann hat dich Favres Karriere als Trainer kaum überrascht.

Absolut nicht, wobei es immer Fragezeichen gibt. Wer es in der Schweiz schafft, ist nicht automatisch auch im Ausland erfolgreich, denn dort arbeitest du plötzlich mit 20 Stars. Lucien verlangt sehr viel von seinen Spielern, und man weiss nie, wie gestandene Profis seine Methoden aufnehmen. Er hat seinen Erfolg aber wirklich verdient, denn er ist ganz einfach sehr gut und ein richtiger Workaholic. Manchmal ruft er mich um 8 Uhr morgens an, um über Fussball zu reden! Er ist ein Profi bis in die Fingerspitzen. Er kommt nicht mit einem System und zwängt die Mannschaft da hinein. Wir haben bei ihm immer mehrere Systeme gelernt und konnten jederzeit umschalten. Das schaffen nicht viele Trainer.

Favre holte dich dann zu Yverdon, nach einem Jahr trennten sich eure Wege. Er ging zu Servette, du zum skandalumwitterten FC Lugano, der unter dem zwielichtigen Präsidenten Helios Jermini die Fussballschweiz aufmischte. Später wurde bekannt, dass die Spieler doppelte Verträge hatten, wobei in einem die Schwarzgeldzahlungen geregelt waren. Hattest du auch so einen?

Da kann ich mit reinem Gewissen die Tessiner Steuerbehörde grüssen. Ich hatte keine Probleme mit ihnen und kann nach wie vor bedenkenlos ins Tessin fahren.

Warum überhaupt Lugano?

Es ist vielleicht ein gutes Beispiel für unsere Jungen. Ich hatte schon ein Angebot von Ulm, wo Martin Andermatt Trainer war und mein Ex-Teamkollege Leandro hinging. Zusammen mit meiner Familie und meinem Berater kam ich zum Schluss, dass es noch zu früh ist für so einen Wechsel. Ich wollte erst mal erleben, wie es ist, zum ersten Mal weg von meinen Eltern und meinen Freunden zu sein. Es gab auch finanziell lukrativere Angebote aus der Schweiz, doch dort hätte ich eine hohe Ausstiegsklausel im Vertrag gehabt, was einen Wechsel ins Ausland erschwert hätte. Lugano hatte damals eine tolle Mannschaft mit Bastida, Gimenez und Rossi, und es war aus heutiger Sicht die wichtigste Entscheidung in meiner Karriere. Zum Glück gab es eine grosse welsche Fraktion im Team, darunter auch Olivier Biaggi, der mich unter seine Fittiche nahm.

Hast du das Chaos im Verein nicht mitgekriegt?

Ich war schlicht zu jung, um mich darum zu kümmern. Zudem hatte ich keinen Einfluss und habe darum auch kaum etwas erfahren. Ich bin dann ja auch rechtzeitig gegangen, bevor alles einstürzte.

Deine Karriere kam zum ersten Mal ins Stocken, als du nach Bremen gingst, wo du in den ersten drei Jahren nur wenig spielen konntest.

Hart war es lediglich darum, weil ich andauernd verletzt war. Der Einstieg war zwar auch nicht einfach. Die erfahrenen Spieler haben mich von oben her betrachtet. Ich war in der Garderobe hinter der Tür platziert, die ich immer auf die Nase kriegte, wenn wer reinkam. Ich hatte einige Jahre Deutsch in der Schule und dann doch nur ein Viertel verstanden. Wenn die Jungs lachten, lachte ich einfach mit.

Sportlich kamst du mit der Umstellung gut zurecht?

Der Rhythmuswechsel im Training war schon unglaublich. Plötzlich jeden Tag Vollgas geben zu müssen, da hat mein Körper einfach nicht mitgemacht. Ich war noch in der Entwicklung, war wohl auch zu wenig muskulös für die Bundesliga. Es fing mit kleinen Verletzungen an, dann kamen grössere hinzu. Da war es sehr wichtig, dass Trainer Schaaf und Manager Allofs immer an mich geglaubt haben. Mit der Zeit kam ich auch mit dem Tempo besser zurecht. Anfangs habe ich mich noch gefreut, wenn ich ohne Ball im Wald laufen gehen konnte, denn mit dem Ball war ich überfordert, es ging mir schlicht zu schnell.

Sind die Unterschiede so extrem?

Oh ja! Zumindest zu meiner Zeit war das so. Heute sind die Spieler immerhin besser geschult, aber der Konkurrent ist halt auch ein Nationalspieler. Als ich mich dann an den Rhythmus gewöhnt hatte, war es kein Problem mehr. Dafür brauchte ich aber viele Monate, Zweifel an mir hatte ich dennoch nie. Bei Bremen hat mir Frank Verlaat sehr geholfen, der zuvor in Lausanne gespielt hatte und der eines meiner Idole war. Bei ihm zu Hause haben wir jeweils Fotos und Wimpel angeschaut, die ich noch aus jener Zeit hatte.

Kamst du überhaupt mal richtig in die Mannschaft rein, so oft wie du verletzt warst?

Ich war zwar nicht an vielen Spielen dabei, aber neben dem Platz war ich der Captain. Ich habe kaum eine After-Spiel-Party verpasst, wir haben viel gelacht und viel Blödsinn gemacht. Bei solchen Anlässen war ich nie verletzt (lacht). Darum war ich auch gut integriert.

In Ailton hattest du da wohl einen besonderen Freund.

Er war neben mir in der Kabine. Dank ihm hatte ich jeden Morgen ein gutes Gefühl, weil er immer seine Leoparden-Unterhosen präsentiert hat. Damit war der Tag schon gerettet.

Mit ihm zusammen hast du auch die Meisterschaft unvergesslich gefeiert. Nackt im Whirlpool des Münchner Olympiastadions…

(Lacht) Die Bilder hab ich nicht gesehen, das ist sicher nur ein Gerücht. Ich hab zwar nicht viel gespielt in jener Saison, und doch war ich der erste Spieler, der in den Pool geschmissen wurde. Unvergessliche Momente waren das, auch die Ankunft in Bremen mit all den Fans. Dafür spielt man Fussball! Ich erinnere mich sehr gerne daran zurück, aber ohne Nostalgie und Sehnsucht. An Ailton habe ich lange nicht gedacht, jetzt hast du ihn erwähnt, und schon muss ich lächeln. Der hat nie trainiert, nur ein bisschen gedehnt und war dennoch der Schnellste. Micoud spielte ihm die Bälle, er haute sie rein. Wir haben toll Fussball gespielt. Zwar 40 Tore kassiert, aber gefühlte 120 geschossen.

Hast du dir von Ailton in Sachen Mode was abgeguckt?

(Lacht) Nein, das nicht. Ich habe zwar nicht annähernd alles verstanden, was er gesagt hat, aber er war echt ein toller Mensch. Immer mit einem Lächeln, immer Flausen im Kopf. Das hat für Leben gesorgt. Mit ihm und der ganzen Mannschaft hat es grossen Spass gemacht, sowohl auf wie auch neben dem Platz.

Nach deinem Wechsel zu Stuttgart hat dann anscheinend Mario Gomez Ailtons Rolle an deiner Seite übernommen.

(Schmunzelt) Sagen wir es so: Wir waren eine Gruppe von Spielern, die viele Stunden zusammen in der Dunkelheit verbracht hat. Tagsüber waren wir zwar auch nicht schlecht, aber die Champions League gewonnen haben wir in der Nacht. Man schart ja gerne Leute um sich, die ähnlich ticken. Aber es gab auch einige, die zurückhaltender sind als Mario und ich, die aber dennoch gerne mit uns unterwegs waren.

Du bist ja ein richtig gutes Vorbild.

Wichtig ist nur, den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Wenn man alle drei Tage ein Spiel hat, dann lässt man es besser sein. Wenn man hingegen eine Woche frei hat, dann kann man dafür gleich zwei Tage machen (lacht). Es gibt Anekdoten mit Mario, wenn ich die auspacken würde, würde die Welt zehn Tage lachen.

Wenn ihr beide zurückgetreten seid, machen wir nochmals ein Interview.

Gerne! Wobei: Es sind keine schlimmen Dinge, wir haben einfach lustige Sachen gemacht, meistens mit der gleichen Gruppe, in der auch Streller dabei war. Wir haben einander auch oft Streiche gespielt und veräppelt. Wenn einer angerufen und irgendwas erzählt hat, das man nicht geglaubt hat, musste man immer Hitzlsperger verlangen, weil der nicht lügen kann.

Jetzt wollen wir aber doch mal so einen Streich hören.

Na gut: Also einer von uns – ich werde keine Namen nennen – hat mal den Audi R8 von unserem Torwart Raphael Schäfer, der ihm extrem lieb und wichtig war, bei Autoscout.de ausgeschrieben, natürlich zu einem Dumpingpreis. Wir waren auf dem Weg zu einem Spiel, und er bekam massenhaft Anrufe aus Osteuropa und verstand die Welt nicht mehr. Nach dem Spiel hatte er unzählige Nachrichten auf der Combox, die meisten aus Polen. Er musste danach sein Autokennzeichen und seine Handynummer wechseln. Ich glaube, auch dank solchen Spässen sind wir Meister geworden. Das kannst du natürlich nur machen, wenn es gut läuft.

Wurde es denn toleriert?

Wie gesagt, wenn die Leistung stimmt, kann man sich mehr erlauben. Da hilft es enorm, wenn der Sportdirektor auch mal Spieler gewesen ist und weiss, wie es läuft in einem Team. Denn gerade in Deutschland wird alles gleich publik. Da kamen Kommentare in Online-Foren oder Faxe rein, in denen stand, dass wir am Tag zuvor im Ausgang gewesen seien. Ich bin ohne Ärger und Strafen durch meine Karriere gekommen, weil wir immer wussten, wann solche Aktionen akzeptabel waren.

Du bist mit zwei Vereinen deutscher Meister geworden, die nicht zu den Favoriten gezählt haben. Machte die Freude schliesslich den Unterschied?

Ja, das glaube ich wirklich. Wir haben auch nie übertrieben. Wir waren vielleicht am nächsten Tag im Training ein bisschen müde, okay. Mein Glück war, dass ich zweimal zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Mannschaft war. Wir hatten Spass und waren in dem Moment bereit, als die Bayern schwächelten.

Ist die fehlende Freude, die fehlende Verrücktheit auch ein Problem bei den jüngeren Fussballern?

Meiner Ansicht nach schon. Das ist nichts gegen die Jungen selber, sondern gegen die Gesellschaft. Ich hoffe, dem kann ich als junger Trainer zukünftig etwas entgegenwirken, wenn das überhaupt möglich ist. Denn in diesen Ausbildungszentren werden die Jungen heute sehr früh in gewisse Schienen gelenkt. Das heisst: keine Tattoos, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Ausgang, um 22 Uhr im Bett. Und das geht mir auf den Keks. Wie soll ein Charakter geformt werden, wenn man den Jungen keine Selbstverantwortung überträgt? Heutzutage fehlt mir bei den Jungen menschlich etwas, auch wenn sie sicher taktisch und technisch viel besser sind als wir früher. Ich sehe oft nicht, dass sie Spass am Fussball haben, und der muss im Vordergrund stehen.

Deine Söhne spielen auch Fussball.  Wie ist es bei denen?

Da gibt es einige Eltern, die schon 5- oder 9-Jährige fordern und reinrufen: «Spiel endlich mal ab!» Wenn ein Kind dribbelt, lass es doch dribbeln! Es wird selber lernen, wann es den Ball abspielen muss. Wenn es jedoch nie dribbeln darf, wird es das auch nie lernen. Warum haben wir wohl in der Schweiz Probleme damit, eine Nummer 10 oder einen Stürmer zu finden? Genau deshalb! Ich habe am meisten gelernt auf irgendwelchen Äckern mit 30 anderen Kindern, ohne Trainer, ohne Schiedsrichter, dafür mit 100 Liter Eistee. Heute trainieren die Kinder schon vier Mal die Woche, aber denen fehlt diese Verrücktheit. Die Schweiz hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht, die Jungen sind fussballerisch viel besser als ich, doch jetzt geht es darum, die richtige Balance zu finden. Es ist nicht nur im Fussball so, dass die Freude verloren geht. Den Kindern wird kaum noch die Möglichkeit gegeben, einfach mal Kind zu sein. Selbst im Kindergarten sind die Kleinen schon gefordert.

Dann ist die aktuelle Schweizer Nati ein gutes Spiegelbild der Gesellschaft: bestens ausgebildete junge Profis, athletisch, taktisch und technisch top, aber dennoch ist die Ideenlosigkeit offensichtlich.

Dazu muss ich sagen, dass es mich selber immer genervt hat, wenn Ex-Natispieler zur aktuellen Auswahl ihren Senf abgegeben haben. Ich mache mir zwar Gedanken dazu, aber es ist nicht meine Aufgabe, zu kritisieren oder mich überhaupt dazu zu äussern. Leute, die so was machen, sind frustriert wegen ihrer eigenen Karriere und massen sich dann an, beispielsweise einen Spieler in die Pfanne zu hauen, der 42 Tore für die Nati geschossen hat.

Mit der Heim-EM 2008 endete deine Zeit als Leistungsträger in der Nati, weil du auch in Stuttgart unter Markus Babbel, mit dem du noch zusammenspieltest, das Bankwesen kennenlernen musstest.

Manchmal ist das Leben eben auch Politik. Ich habe immer gesagt, was ich denke. Bei Stuttgart war es das einzige Mal, dass eine Aussage von mir meiner Laufbahn im Wege stand. Ich habe lediglich das laut gesagt, was viele dachten. Darauf bin ich nicht stolz, doch ich bereue es auch nicht.

Du wurdest auf die Bank verbannt, heute beim FC Zürich hast du wieder diese Rolle inne, obwohl du in einem früheren Interview mal gesagt hast, es mache dich richtig wütend, Ersatz zu sein.

Das ist immer noch so. Wem es genügt, auf der Bank zu sitzen, der soll mit dem Fussball aufhören. Wenn mein Konkurrent besser trainiert als ich, dann kann ich den Entscheid auch akzeptieren. Ich bin dann zwar sauer, dass ich nicht spiele, aber nicht auf den Trainer oder den Konkurrenten, sondern es spornt mich an, mehr zu geben. Der Konkurrenzkampf ist – das muss man sagen – im Ausland besser und fairer. Der Beste spielt, und die Positionen werden immer wieder von Neuem vergeben.

Dafür ist der Druck auch deutlich höher.

Ja, das sieht man auch an den Beispielen der letzten Zeit: Enke, Rangnick, Rafati. Das ist auch der Grund, weshalb ich zurückgekommen bin. Ich brauche Spass im Leben. Ich kann gut mit Druck umgehen, doch ich will nicht so weit gehen müssen, bis ich kaputt bin. Ende 2009 war ich wirklich fertig im Kopf, ich brauchte Menschlichkeit und Wärme. In Deutschland ist es nun mal sehr erfolgsorientiert. Wenn du verlierst, ist die Hölle los, selbst wenn du gut gespielt hast. Neun Jahre konnte ich damit umgehen, doch von einem Tag auf den anderen konnte ich es nicht mehr. Ich durfte sehr schöne Jahre in Deutschland erleben, doch ich konnte dort nicht mehr glücklich sein. Stuttgart hat mir netterweise auch keine Steine in den Weg gelegt.

Müssten die Deutschen denn etwas lernen von uns Schweizern?

Einerseits würde ihnen etwas mehr Lockerheit bestimmt guttun, andererseits ist es ja genau die Stärke der Deutschen, dass sie nie aufgeben. Ich jedenfalls hätte gerne zwischendurch durchatmen können. Umgekehrt könnten sich die Schweizer Fussballer einiges von der deutschen Mentalität abschauen. Hier wollen viele nach einer Stunde Training schon unter die Dusche, der Deutsche legt nach zwei intensiven Stunden freiwillig noch eine halbe drauf.

Hast du zuletzt deine berühmte Lockerheit nicht auch ein wenig verloren?

Ich wurde stets kritisiert für mein Auftreten auf dem Platz. Dieses ständige Rummeckern an meinem Stil hat mich irgendwann ermüdet, obwohl es lange Zeit spurlos an mir vorüberging. In Deutschland wird in den Medien sehr professionell gearbeitet, während man sich hierzulande von Amateurjournalisten totquatschen lassen muss. Wenn man mich kritisiert als Fussballer, ist das natürlich in Ordnung. Aber als Mensch? Das geht gar nicht! Lese ich nach einem Spiel, dass meine Flanken scheisse waren, kann ich das akzeptieren. Aber wenn man auf vier Seiten meine Gestik analysiert, dann werde ich als Mensch angegriffen. Da wird darauf rumgeritten, obwohl ich noch nie vom Platz geflogen bin wegen Gelb-Rot nach Reklamieren.

Wie kommst du mit der Kritik der FCZ-Fans klar, die nicht verstehen, warum man sich dich als Ersatzspieler leistet?

Das ist eine berechtigte Frage, dafür habe ich durchaus Verständnis. Aber was der Metzger von Brüttisellen sagt, spielt für mich keine Rolle. Ich versuche, im Verein auch etwas zu bewirken, wenn ich nicht spiele. Nur sehen das die Leute halt nicht. Der FCZ brauchte jemanden, der sagt, was Sache ist, und ich versuche, dies im Sinne des Vereins zu machen. Natürlich muss ich mich zurückhalten, wenn ich selber nicht mal spiele.

Vor zehn Jahren hast du die Liga verlassen, nun bist du zurück. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Die Super League ist nach wie vor eine tolle Liga für junge Spieler und auch für ältere. Aber dazwischen solltest du mal im Ausland gewesen sein. Das ideale Alter hierfür gibt es indes nicht. Ein Rodriguez zum Beispiel ist schon sehr reif für sein Alter, andere brauchen etwas länger. Jeder Junge ist unterschiedlich. Also zumindest von der Reife her, sonst sind sie ja eben alle auf der gleichen Schiene (lacht).  

Ludovic wartet auf seinen Einsatz in Echallens: Seinem letzten Spiel in der A-Mannschaft (16.09.2012)

Ludovic Magnin (*1979)

begann seine Profikarriere unter Lucien Favre in Yverdon. Nach einem Jahr beim FC Lugano wagte er den Sprung in die Bundesliga. Bei Werder Bremen war er wegen Verletzungen meist nur Ergänzungsspieler, wurde aber 2004 deutscher Meister und Pokalsieger. Nach seinem Wechsel zu Stuttgart holte er dann als Stammspieler den Meistertitel 2007. Ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Vertragszeit kehrte er in die Schweiz zurück und unterschrieb beim FCZ einen 3½-Jahres-Vertrag. In der Nati gab er 2000 sein Debüt und gehörte an den EM 2000 und 2004 sowie an den WM 2006 und 2010 zum Kader. Nach der WM in Südafrika erklärte er seinen Rücktritt. (syk)

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