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Urs Fischer: «Es ist einiges kaputt gegangen»


fcz.watchblog: Urs Fischer, vier Wochen sind seit deiner Entlassung am 12. März vergangen. Wie geht es dir?

Urs Fischer: Die Entlassung kam für mich sehr überraschend. Ich muss sagen, dass ich auch nach vier Wochen immer noch im Verarbeitungsprozess bin. Ich kann zwar mit dem Entlassungsentscheid leben, der Zeitpunkt und die Art und Weise sind für mich aber völlig unverständlich. Das macht es viel schwieriger, mit der Entlassung umzugehen und sie zu verarbeiten.

Du sprichst den Zeitpunkt und die Art und Weise deiner Entlassung an?

Ich habe in der Winterpause mit den Verantwortlichen beim FCZ den Umbruch eingeleitet. Wir haben uns von fünf Stammspielern getrennt und das Kader mit einzelnen Spielern ergänzt. Dabei ging doch einiges an Qualität in der Mannschaft verloren. Dennoch gelang uns ein guter Rückrundenstart. Wir spielten in Luzern 1:1, gewannen gegen GC und waren gegen Basel und Thun das bessere Team. Zudem gewannen wir zum ersten Mal seit 1998 in Lausanne und schossen als erste Mannschaft in der Rückrunde ein Tor auf der Pontaise. Der FCZ war in den letzten neun Meisterschaftsrunden nach Basel das erfolgreichste Team. Ich hätte es verstanden, wenn sich der FCZ in der Vorrunde oder in der Winterpause von mir getrennt hätte. Dort lief nicht alles so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Aber nun ist es unglaublich schwierig, einleuchtende Gründe für meine Entlassung zu finden. Zudem habe ich Mühe damit, dass der Entlassungsentscheid am Donnerstag vor dem Auswärtsspiel gegen Lausanne gefällt worden ist, und ich aber erst am Montag darauf informiert wurde.

Gab es für dich keinerlei Anzeichen, dass beim FCZ anscheinend viele mit dir als Trainer nicht mehr zufrieden waren und den Schnitt wollten?

Nein, die gab es leider nicht. Der Entscheid kam für mich völlig überraschend. Ich muss auch sagen, dass ich seit meiner Entlassung mit vielen Personen gesprochen habe, nicht nur mit Freunden, sondern auch mit Personen, welche mir sportlich nicht immer gut gesinnt waren. Praktisch niemand konnte den Zeitpunkt verstehen.

Einer der Vorwürfe an dich als Trainer war, dass die Mannschaft zuhause zu wenig attraktiven Fussball gespielt hat. Der FCZ wolle aber seinem Heimpublikum etwas bieten…

… letzte Saison hiess es, dass wir den attraktivsten Fussball der Schweiz spielen. Wir hörten das von Medien, Fans und Gegnern. Attraktiver Fussball schlägt sich aber nicht immer in der Tabelle nieder. Letzte Saison fehlte schlussendlich ein Punkt zum Meistertitel. In dieser Saison lief es nicht immer gut. Wir setzten aber immer wieder Ausrufezeichen. Der Sieg in Basel, das 6:0 im Derby oder der Sieg gegen YB. Zudem erreichten wir europäisch sehr viel. Wir kamen gegen Lüttich in der Champions-League-Qualifikation weiter und erreichten die Gruppenphase der Europa League. Der Sieg gegen Lüttich wird von vielen unterschätzt. Dieses Lüttich hat es in der Europa League bis in den Achtelfinal geschafft – und ausser in Hannover nur gegen den FCZ verloren. Trotzdem, ich hätte eine Entlassung in der Vorrunde oder in der Winterpause akzeptieren können. Aber nicht, wenn man zusammen einen Neuanfang plant, die halbe Mannschaft verkauft und trotzdem eine Aufwärtstendenz in den letzten Meisterschaftsspielen ersichtlich war.

Vergleicht man die Zuschauerzahlen in dieser Saison mit der letzten, scheint sich attraktiver und erfolgreicher Fussball auch nicht enorm auf den Zuschauerschnitt auszuwirken. Ist das Argument der Vereinsführung also hinfällig?

Das müssen andere beurteilen.

Von aussen scheint vor allem die Art, wie man sich von dir getrennt hat, unschön. Obwohl du einer der verdientesten FCZ’ler bist, schien dir ein Abgang in Würde verwehrt.

Hier muss ich sagen, dass meine Vergangenheit beim FCZ zur Seite gelassen werden sollte. Schon als ich den Schritt als Trainer in die Super League wagte, war klar, dass es irgendwann eine Trennung geben kann. Damit muss man umgehen können. Ich hätte auch an der Pressekonferenz nach meiner Entlassung teilnehmen können. Ich zog es aber vor, mich bei der Mannschaft und dem Staff zu verabschieden. Ich brauchte Zeit, alles zu verarbeiten und hatte zu meiner Entlassung nichts zu sagen. Vielleicht habe ich damit den Fans etwas Unrecht getan. Ich kann mich bei ihnen für ihre Unterstützung nur bedanken.

Du und die Fans, das schien beim FCZ sowieso eine ganz besondere Beziehung zu sein?

Das stimmt. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu den Fans. Der Umgang mit mir war immer sehr korrekt, da kann ich nur ein riesiges Dankeschön aussprechen. Auch die Spruchbänder, welche gegen Servette und YB aufgehängt wurden, haben mich gefreut und mit ein bisschen Stolz erfüllt. Es war eine geile Zeit!

Hat deine Entlassung deine persönliche Beziehung zum FCZ trotzdem beeinträchtigt?

Das ist sehr schwer zu sagen. Es ist schon einiges kaputt gegangen. Wie schon gesagt, lässt die Vollziehung meiner Entlassung viele Fragen offen.

Du kennst den FCZ seit Jahrzehnten in diversen Funktionen. Seit dem Meistertitel in Basel hat sich beim FCZ vieles verändert. Alles ist grösser, professioneller, aber auch kommerzieller geworden. Welchen Weg muss der FCZ gehen, um weiter erfolgreich zu sein und trotzdem die «alten» Werte nicht zu verleugnen?

Der FCZ hat einen guten Weg eingeschlagen. Seit der Jahrtausendwende ist viel passiert und der Klub hat viel gewonnen. Leider ist die Infrastruktur in Zürich noch immer nicht optimal. Die Stadionfrage noch immer nicht geklärt – für mich unbegreiflich. Aber, Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit. Darum sollte man auch eine gewisse Geduld in schwierigen Situationen zeigen sowie Bescheidenheit leben.

Du hast die scheinbar unendliche Stadionfrage in Zürich angesprochen. Wie wichtig ist dieses Stadion für den FCZ?

Überall in der Schweiz werden neue Stadien gebaut. Nur das einst selbsternannte «Downtown Switzerland» schafft es nicht. Die Stimmbevölkerung hat vor bald zehn Jahren «Ja» zum neuen Hardturm gesagt und heute spricht die Stadt von weiteren fünf Jahren bis endlich ein neues Stadion stehen soll. Das ist unglaublich.

Fehlt der Stadt Zürich der Respekt vor dem Fussball und seinem Verdienst für die Stadt?

Ich würde nicht von Respekt sprechen. Ich glaube aber durchaus, dass gewissen Politikern nicht klar ist, was Zürich am Fussball hat. In dieser Saison kamen Personen aus Lüttich, Rom oder München nach Zürich – wegen dem Fussball. Diese übernachteten hier und kauften ein. Zürich wird so sportlich zur Weltstadt. Ich glaube nicht, dass in Zürich eine Fussball-Euphorie wie in Basel entstehen kann, aber Bern oder St. Gallen zeigen, was ein neues Fussballstadion bewirken kann.

Schauen wir noch in die Zukunft. Rolf Fringer ist dein Nachfolger beim FCZ. Was sagst du dazu?

Ich möchte mich nicht zu meinem Nachfolger äussern. Nur so viel: Ich finde es gut, dass der FCZ wieder einen Schweizer Trainer verpflichtet hat. Wir haben hier sehr viele gut ausgebildete Trainer.

Wie sieht deine persönliche Zukunft aus? Wirst du die nächste Zeit vor allem deiner persönlichen Weiterbildung widmen oder steigst du vielleicht sogar wieder beim FCZ ein?

Im Moment ist meine Entlassung immer noch sehr frisch. Genau kann ich noch nicht sagen, wie es weiter geht. Klar ist, dass ich nach der Verarbeitung wieder voll angreifen möchte. Genaue Ideen habe ich noch nicht. Klar ist, dass ich dem einen oder anderen Trainer bei seiner Arbeit über die Schultern schauen möchte. Die eine oder andere «Stage» werde ich sicher machen. Ein weiteres Amt beim FCZ kommt für mich zurzeit aber nicht in Frage.

Urs Fischer, vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für deine Zukunft.


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