Ein Fussballspiel im Letzigrund…


Draussen:
Auf Bildern aus der guten alten Zeit oder welchen aus fernen Ländern sah ich sie jeweils, die Zaungäste. Auf Leitern, Fahrrädern oder Schultern stehend, den Eintrittspreis umgehend… das hatte für mich immer eine ganz eigene Romantik. Und da heute der Tag war, an dem fast nur Geister im Stadion zugelassen waren, packte ich meine Chance. Wenn man nicht rein darf, gibt’s auch keine Eingangskontrollen! Und so schleppte ich einen Rucksack voller «gefährlicher» Gegenstände sowie natürlich die obligate Leiter mit mir.
Drinnen:
Zum ersten Mal an einem Meisterschaftsspiel des FCZ betrete ich den neuen Letzigrund durch den Eingang Westtribüne. Die Eingangskontrolle ist sehr genau. Nicht, dass ich abgetastet oder durchsucht würde – nein, es geht nur darum, meinen Namen auf der Liste zu finden. Ich darf rein.
Draussen:
Eine gute halbe Stunde vor dem Spiel sieht das Ganze noch ein wenig aus wie ein bierseliges Sit-In mit ein paar Fernsehern. Von zahllosen Leitern am Stadionzaun ist keine Spur zu sehen, was den Grund darin hat, dass die Polizei dies nicht so romantisch sieht wie ich.
Drinnen:
Zuerst verlaufe ich mich in den Katakomben. Wo geht es hier zur Tribüne? Zwischen Presseraum, Garderobe und WC bin ich nahe daran, einen präsenten Security-Menschen nach dem Weg zu fragen…– bis mir einfällt, dass der neue Letzigrund anders gebaut ist. Über eine Treppe finde ich die Terrasse vor der Tribüne. Ich sehe zwei, drei bekannte Gesichter. Es gibt auch einen Wurst- und Getränkestand. Dort stehen Medienvertreter, Stadionangestellte, Funktionäre und Polizisten ohne Einsatz einträchtig nacheinander an. Das Angebot ist dasselbe wie an einem «normalen» FCZ-Spiel. Und auch heute gilt für alle: 2 Franken Depot auf jeden Becher.
Draussen:
Nach einigen Verhandlungen kommt kurz vor Spielbeginn die polizeiliche Zusage, dem Leiterlispiel vorerst mal abwartend zuzuschauen, worauf innert Minuten eine sehr eigenständige „Nüssli-Tribüne“ entsteht.
Drinnen:
«Geisterspiele sind Scheisse», sagt jemand. Der Speaker gibt die Aufstellungen bekannt. Von der leeren Osttribüne her ertönt die Südkurven-Hymne. Hinter den leeren Sitzplätzen stehen die ausgeschlossenen Fans – und dahinter stehen stoisch die Hard-Hochhäuser wie Mahnmale aus Eisen und Granit in der langsam untergehenden Sonne. Es ist ein beeinruckendes Bild, aber auch ein sehr bizarres.
Draussen:
Als die Mannschaft nun endlich einmarschiert, ist irgendwie alles wie immer und doch etwas anders. Zum Südkurvenlied werden viele Pyros gezündet und unten auf dem Feld beklatscht die Mannschaft brav alle vier leeren Seiten. Mein Rucksack wird zum wahrscheinlich einzigen Brandopfer an diesem Abend, doch die gute Stimmung und ebenso gute Sicht auf das Spielgeschehen lässt solche Kleinigkeiten verblassen. Da schon bald auch einige Kids unsere Leiter mitbenutzen, wird es immer enger. So ein Stehplatz auf einer Sprosse hat auch eine ziemlich unbequeme Seite.
Drinnen:
Das Spiel läuft. «F-C-Z» ertönt es von drüben. Heliane Canepa springt auf und antwortet. Es ist der erste und auch letzte Dialog zwischen den Fans draussen und drinnen an diesem Abend. Dann, Corner Nikci, Hassli lenkt ab, Rochat schiesst ein: 1:0. Drinnen im Letzigrund springen einige wenige auf.
Draussen: Die neue Cornerverhälnis-Statistik führt anfänglich zu einigen Unklarheiten: «Was scho drü null ?» Doch als dann das Tor des Abends fällt, breitet sich das wie ein Lauffeuer durch die Herdernstrasse aus. Wer den Corner geschlagen hat, wissen wir nicht, denn diese Seite wird von der Osttribüne verdeckt, der Rest der Aktion war aber wie richtig und für einen Moment vergisst man die ungewohnte Situation. Diese wird mir schnell wieder bewusst, als die Kids auf der fragilen Leiter zu hüpfen anfangen und diese zu kollabieren droht.
Drinnen: Es zieht. «Draussen kann der lauste Sommerabend sein, aber im Letzigrund hast du kalt», sagt jemand.
Draussen: Nach der Pause werden endlich die ersten Bäume erklommen. Die Hausdächer und Baugerüste ebenso. Beim nun angestimmten «Kurve explodiere»-Lied wird die Trennlinie der Singenden vom Capo klar vorgegeben: «det bi dä Bulle mit dä gääle Weste!» Die erinnern im Übrigen als einzige unangenehm an das vergangene EM-Turnier in ebendiesem Stadion. Zum Glück erscheint der Letzigrund heute Abend fast schon wieder wie aus einer anderen Zeit.
Drinnen: Nein, das ist kein Fussballspiel. 22 Männer und 3 Unparteiische, die sich auf einem grünen Feld be- oder abmühen. Medienvertreter, die nach draussen berichten, was diese 25 Menschen in einem leeren Stadion gerade tun. Und Liga-, Verbands- und Vereinsverantwortliche, die solche «Geisterspiele» verantworten. Man kommt sich vor wie in der Primarschule: Die guten Lehrer sind im Klassenzimmer – und die bösen Schüler müssen draussen sein. Erich Kästner fällt einem bei einer solchen Tristesse ein: «Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.»
Draussen: Das Spiel geht dem Ende zu – und trotz Luzerner Druck wirken die drei Nachspielminuten extrem kurz. Jedenfalls ist plötzlich Schluss. Bis es alle merken, geht es etwas länger als normal. Die Mannschaft kommt sich artig bedanken, hat jedoch den Abstand verständlicherweise noch nicht so im Griff und macht die Welle halb versteckt hinter den Sitzen. Das erwünschte rauflocken der Spieler klappt leider nicht. Entweder dürfen sie nicht, kapieren es nicht oder haben Angst, mit den Fussballschuhen die Stufen zu erklimmen. Damit bleibt der emotionale Höhepunkt aus. Und trotzdem war’s ein speziell schöner Abend.
(Bild: efzezet.ch)

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3 Kommentare

  1. Ich würde sogar meinen: Ganz grosser Sport.
    Einen reisen Dank und Verneigung vor allen die mit dabei waren.

    Wenn jetzt der Schlachthof oder ein anderer einen Wurststand öffnen würde wäre die Sache mehr als perfekt gewesen.

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